Auf Spurensuche in Wittstock: Tuchfabrik wird Bildungscampus

Der sechsgeschossige Hochbau der Tuchfabrik Wegener am Walter-Schulz-Platz prägt allein mit seiner Höhe den Osten von Wittstock. Unmittelbar vor der Stadtmauer an der Dosse war hier im Ersten Weltkrieg ein moderner Betrieb entstanden. Bis 2025 möchte die Stadt das Baudenkmal zu einem Bildungscampus umbauen.

In Kürze beginnt die Entwurfsplanung für den Bildungscampus, berichtete der Leiter des Bauamts von Wittstock/Dosse, Bernd Hamann. Im Oktober 2021 soll sie abgeschlossen sein, so dass ein Bauantrag gestellt werden könne. Damit beauftragt sind das Architekturbüro Numrich Albrecht Klumpp in Berlin sowie – für die Außenanlage – das Büro Kubus aus Berlin. Im Jahr 2025 soll der Standort bezogen sein. Ankernutzer werde das zukünftige Schulzentrum mit der Dr.-Wilhelm-Polthier-Oberschule, der Diesterweg-Grundschule und einem Hort. Informationen dazu gibt es hier:

https://www.wittstock.de/seite/467381/bildungscampus-wittstock.html

Die Tuchfabrik besteht aus einem repräsentativ gestalteten Hochbau von 1905/06 mit vier Geschossen am Walter-Schulz-Platz, den angrenzenden und ebenso alten Sheddachhallen, einer Fabrikantenvilla dahinter sowie dem sechsgeschossigen Produktionsgebäude von 1917 im Süden. Seit etwa 1997 verfällt der riesige Komplex. Die geplante Umnutzung zog sich wegen unklarer Eigentumsverhältnisse hin, bevor die Stadt die Immobilie kaufen konnte. 

Die Fabrik ist Ausdruck des in der Region bedeutenden Tuchmachergewerbes. 1826 gab es allein in Wittstock 275 Betriebe, welche die regionale Schafswolle verarbeiteten. Denn um 1800 soll es knapp 140 000 Schafe in der Prignitz gegeben haben. Mit der Industrialisierung veränderte sich die Branche radikal. Statt der vielen kleinen Betriebe entstanden wenige Fabriken. Und die Wolle wurde aus Übersee importiert.

Schließlich blieben in Wittstock nur die 1828 gegründete Tuchfabrik Friedrich Wilhelm Wegener und die 1845 gegründete Tuchfabrik von Friedrich Paul übrig. 1911 schlossen sich die beiden Betriebe mit dem 1839 gegründeten Konkurrenten in Pritzwalk, der Gebrüder Draeger, zu einem Unternehmen zusammen: Es entstand die auf Uniformtuche spezialisierte Draeger-Paul-Wegener-Werke GmbH. Die Firma bildete die Basis für das große Vermögen der Industriellenfamilie um Günther und Werner Quandt.

Am Walter-Schulz-Platz in Wittstock/Dosse steht ein repräsentativ gestalteter Hochbau von 1906. Foto: Sven Bardua
Zwischen dem 1906 eingeweihten Hochbau am Walter-Schulz-Platz und dem Produktionsgebäude von 1917 befinden sich eingeschossige Sheddachhallen. Foto: Sven Bardua
Die Tuchfabrik Friedrich Wilhelm Wegener wurde 1828 gegründet. An ihrem Standort ließ die Draeger-Paul-Wegener-Werke GmbH 1917 einen Sechsgeschosser bauen. Foto: Sven Bardua
Das 1917 errichtete Produktionsgebäude der Tuchfabrik Wegener beeindruckt mit seinen großzügigen Geschossen. Foto: Sven Bardua

4 Gedanken zu „Auf Spurensuche in Wittstock: Tuchfabrik wird Bildungscampus“

  1. DAS sind ja irre Räume ! Allerdings gibt’s davon noch mehr in der Gegend, wenn man zum Beispiel an das Nähmaschinenwerk Wittenberge denkt oder die Papierfabrik Hohenofen. Großzügige Industriearchitektur auf dem platten Land, ist schon spannend!

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      • Das ist ein interessanter Aspekt: die Menschenmassen, die einst regelmäßig die Pförtnerhäuschen passierten. In den Tuchfabriken Pritzwalk und Wittstock waren einige hundert Leute beschäftigt, in der „Zellwolle“ in Wittenberge etwa 2.000, das Veritas-Nähmaschinenwerk in Wittenberge soll sogar 3.200 Arbeiter und Angestellte beschäftigt haben. Ein Blick auf die erhaltenen Werksbauten zeigt auch, dass dort viele Menschen gearbeitet haben müssen. Der einzige klassische Großbetrieb der Region ist aus meiner Sicht heute noch das Eisenbahn-Ausbesserungswerk Wittenberge wohl mit etwa 800 Beschäftigten.

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        • In Hohenofen wurde erzählt, dass zum Schichtwechsel richtig was los war auf der Straße. Und da haben nur hundert Leute gearbeitet. Die meisten kamen mit dem Fahrrad. Neben der Fabrik Richtung Dosse gab es Fahrradständer. Die Wache war ein kleines Gebäude an der Zufahrt straßenseitig. Eine, die dort saß, war Gisela Maruhn. Jonas Walter hat sie porträtiert.

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