Auf Spurensuche in Fehrbellin: Bastfaserwerk im hochmodernen Schalenbau



Ein Schornstein und Fabrikgebäude, von der Autobahn Berlin–Hamburg aus gut sichtbar, markieren die Kleinstadt Fehrbellin. Auffällig ist das 1959 eingeweihte Schäbenplattenwerk mit seinen gekrümmten Zylinderschalen als Dach. Es zählt zu den frühen Schalenbauwerken der DDR.

Gekrümmte Zylinderschalen aus Stahlbeton verwendete das Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann (Dywidag) erstmals 1924 für den Bau 23 des Zeiss-Werkes in Jena. Stützenlos ließen sich mit den relativ leichten Konstruktionen bei geringem Materialverbrauch größere Flächen überwölben. Doch auch die bald darauf von der Dywidag damit gebauten Großmarkthallen in Frankfurt am Main und in Budapest blieben wegen des beträchtlichen Rechenaufwands zunächst Einzelbeispiele. In beiden deutschen Staaten griff man die Technik nach dem Zweiten Weltkrieg wieder auf.

So publizierte das Ministerium für Aufbau in der DDR 1954 ein vereinfachtes Verfahren zur Berechnung von Kreiszylinderschalen, mit dessen Hilfe zahlreiche Dächer gebaut wurden – im großen Umfang unter anderem als Teil von Exportaufträgen in China. Es wurde von Reinhold Rabich (Leiter der Forschungsabteilung des Entwurfsbüros für Industriebau Dresden) entwickelt. Dies erläuterte Jessica Hänsel in ihrer aktuell noch unveröffentlichten Dissertation „Industriearchitektur der DDR – die Arbeit der VEB Industrieprojektierung“ (Technische Universität Berlin, 2021). Das Schäbenplattenwerk für den VEB Märkische Bastfaserwerke Fehrbellin hatte das Entwurfsbüro für Industriebau Jena des VEB Ipro 1956 entworfen. Die nach unten verjüngenden Betonstützen, die bündig mit den auskragenden Dachschalen abschließen, verleihen dem Fehrbelliner Bau im Gegensatz zu vergleichbaren Fabrikhallen eine „besonders dynamische Wirkung“, betonte Jessica Hänsel.

Im Zuge der Autarkiebestrebungen hatte das Dritte Reich ab 1934 den Anbau von Faserpflanzen forciert: Hanf wurde hauptsächlich in den Luchgebieten im Havelland sowie südlich von Neuruppin angebaut. Vor diesem Hintergrund nahm die Landwirtschaftliche Hanfanbau- und Verwertungs-Genossenschaft Rhinluch e.G.m.b.H. im April 1936 ihren Betrieb auf; seit 1938 gehörte sie zur Bastfaser Gesellschaft mbH in Wuppertal-Oberbarmen. Außer Hanf wurde seit 1941 auch Flachs verarbeitet. Nach dem Krieg verschob sich der Schwerpunkt von Hanf zu Flachs, der überregional eingekauft wurde. So firmierte der Betrieb als Flachs- und Hanfröste Fehrbellin – Verwaltung Volkseigener Betriebe Bastfaser, ehe er am 16. April 1953 den Namen VEB Märkische Bastfaserwerke Fehrbellin erhielt. Der Fehrbelliner Ortschronist Kurt Müller hat dazu viel Material gesammelt, das in Zukunft im dortigen Heimatmuseum präsentiert werden soll.

Hanf und Flachs wurden vor allem auf dem Schienenweg in Fehrbellin angeliefert: In der Erntezeit waren bei Tag und Nacht oft mehr als 100 Güterwaggons in kürzester Zeit per Hand zu entladen. Doch auch über den Rhin brachten Lastkähne den Rohstoff zum Bastfaserwerk. Der Betrieb war die größte Röste in der DDR, verarbeitete 1956 Flachs einer Anbaufläche von 8.823 Hektar sowie Hanf von 7.113 Hektar. Weil Holz in der DDR knapp war, wurden seit 1959 mit den Schäben aus der Flachsverarbeitung, bis dahin ein Abfallprodukt, in dem neuen Schalenbau Platten für die Möbelproduktion hergestellt. Doch am 1. Juli 1972 begann die Demontage der Röste und des Schäbenplattenwerks: Denn seit 1973 stellte der Betrieb hier auf der Basis von Polyesterseide, die mit PVC-Paste beschichtet wurde, Nähgewirke für Lkw- und Abdeckplanen her. Am 25. Januar 1974 wurde er deshalb auch in VEB Plastbeschichtung und Konfektion technischer Textilien, kurz VEB Plakotex, umbenannt.


Seit 1973 stellte der VEB Plakotex Abdeck- und Lkw-Planen aus mit PVC beschichteter Polyesterseide her. Prospekt: Archiv Heimatmuseum Fehrbellin
Der im Luch geerntete Hanf wurde auch mit Lastkähnen auf dem Rhin nach zum Bastfaserwerk Fehrbellin transportiert. Foto: Archiv Heimatmuseum Fehrbellin
Der ältere Teil des Bastfaserwerks mit dem Kesselhaus stammt noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Foto: Sven Bardua
Das 1959 in Betrieb genommene Schäbenplattenwerk ist ein früher Schalenbau der DDR. Foto: Sven Bardua

4 Gedanken zu „Auf Spurensuche in Fehrbellin: Bastfaserwerk im hochmodernen Schalenbau“

  1. Konnte man Polyesterseide mehr und schneller produzieren oder warum die komplette Umstellung auf Chemiefasern?
    Gibt es den Schalenbau des Schäbenplattenwerkes noch oder steht gar nichts mehr, so wie in Rhinow, wo das Bastfaserwerk komplett verschwunden ist ?

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  2. 1973 fand in Fehrbellin sowie an anderen Plakotex-Standorten eine grundsätzliche Produktionsumstellung statt, auch der Hanfanbau wurde damals eingestellt. Das Verarbeiten von Hanfpflanzen ist im Vergleich zur Baumwollverarbeitung oder der Herstellung von synthetischen Fasern relativ aufwendig. Vermutlich hat es daran gelegen. Die tatsächlichen Hintergründe sind mir aber bisher noch unklar.
    Der Schalenbau des Schäbenplattenwerks ist im Blog abgebildet; das sind aktuelle Fotos!
    Sven Bardua

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    • ahja, danke für die Antwort, ich konnte nicht zuordnen, welches Foto aktuell ist. Steht der Schalenbau unter Denkmalschutz oder/und wird er derzeit genutzt?

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  3. Von Denkmalschutz weiß ich nichts. Genutzt wird der Bau heute als landwirtschaftlicher Betrieb für die Rinderzucht von Stev Lewinski, siehe:
    https://rinder-leasing-im-luch.de
    Übrigens hat es auch hier – wie im Hanfwerk Rhinow und im Zellstoffwerk Wittenberge – während des Dritten Reichs Zwangsarbeit gegeben. Das entsprechend Arbeitserziehungslager Fehrbellin hat die Berliner Geschichtswerkstatt gut dokumentiert, siehe:

    http://www.berliner-geschichtswerkstatt.de/fehrbellin.html

    https://www.politische-bildung-brandenburg.de/publikation/arbeitserziehungslager-fehrbellin

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